Dokumentation


30 Jahre Frauenzentrum

 Von den Anfängen 1985 bis 2015

 

Noch in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts galt in der Gesellschaft die sogenannte Hausfrauenehe als Norm. Juristisch gesehen hatte eine verheiratete Frau ihren familiären Verpflichtungen nachzukommen und den Haushalt zu führen. Einen Beruf konnte sie nur mit der Einwilligung ihres Mannes ausüben, der auch ohne ihre Zustimmung ihr Arbeitsverhältnis kündigen konnte.

Das alles änderte sich zum Leidwesen vieler Männer mit der Familienrechtsreform, die 1977 in Kraft trat.

Von nun an war die „Aufteilung der familiären Aufgaben“ den Eheleuten überlassen.

Auch im Scheidungsrecht gab es deutliche Veränderungen. Das Schuldprinzip wurde ad acta gelegt, nun galt das „Zerrüttungsprinzip“.

Im alten Scheidungsrecht war die Frau fast immer Schuld und bekam deswegen keinen Unterhalt (auch wenn sie Hausfrau war!!). Selbst wenn sie ging, weil der Mann sie betrog oder schlug, galt das als bös-williges Verlassen und sie wurde schuldig geschieden.

Nach der Reform galt eine Ehe, unabhängig von der Schuldfrage, als gescheitert, wenn die Eheleute länger als ein Jahr nicht mehr zusammen lebten und konnte geschieden werden.

 

Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten:

Die Frauen fingen an, sich zu „emanzipieren“.

Sie lösten sich zunehmend aus den sie hemmenden Abhängigkeiten und wurden selbstständiger. Sie trafen sich in Frauengruppen und diskutierten ihre Situation.

 

Auch in der Wetterau wurden die Frauen aktiv. Ab Herbst 1984 luden sie in der örtlichen Presse zu den Treffen in einer Kneipe ein, bei denen gemeinsame Aktionen geplant und organisiert werden sollten. Doch es war schwierig, dort in Ruhe einen eigenen Weg zu suchen. Die Frauen brauchten einen eigenen Raum, wo sie nicht gestört wurden. Denn manche Frau hatte Erfahrungen zu berichten, die für alle nicht einfach zu verkraften waren.

Bereits im Januar 1985 fand im Dekanatsjugendbüro in Friedberg die Gründungsveranstaltung des Frauenzentrumsvereins statt. Bis August dauerte es dann noch, bis auch das Amtsgericht die Satzung mit einem Kollektivvorstand genehmigte und den Verein in das Vereinsregister eintrug.

 

15 Frauen beteiligten sich als Mitfrauen und begannen, ein Programm für ihre Geschlechtsgenossinnen zu erarbeiten. Aber zur Durchführung von Seminaren benötigte man eigene Räume, über die frau verfügen konnte. Also wurden Finanzierungs- und Haushalts-anträge gestellt und als erste Unterstützung gab es einen zweckgebundenen Zuschuss des Wetterau-kreises. Das war der Start für das erste Domizil in der Friedberger Altstadt im November 1986. Dann wurde renoviert und eingerichtet und Anfang Februar 1987 die Einweihung gefeiert.

Bereits während dieser Zeit arbeiteten die Frauen daran, ein Frauenhaus für die Wetterau zu bekommen. Weil auch dafür wieder viel Vorarbeit zu leisten war, die nicht einfach nebenbei erledigt werden konnte, wurde eine ABM-Kraft beantragt, deren Büro in den neu gestalteten Räumen Platz fand. Während im Frauenzentrum Beratungen von körperlich und seelisch misshandelten Frauen stattfanden, entstand der eigenständige Verein „Frauen helfen Frauen“, der sich in der Folge schwerpunktmäßig um die Errichtung des Frauenhauses kümmerte. Auch die Frauen der Notrufgruppe machten sich bald selbstständig und trafen sich fortan in Nidda.

 

Unterdessen entwickelten die Frauen das Zentrum weiter als Ort zum Kennenlernen oder sich informieren, als Raum zum Agieren, zum Lernen und zum Feiern. Viele Angebote drehten sich auch um Entspannung vom Alltag. Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurse fanden großen Zuspruch, denn immer mehr Frauen machten die gegen sie ausgeübte Gewalt öffentlich. Es bildeten sich themenbezogene Gruppen, wie z:B. Stillgruppen oder die Gruppe für Alleinerziehende.

 

Auch kulturell tat sich vieles. Neben zahlreichen, verschiedenen Einzelveranstaltungen im Zentrum, und - wegen des guten Zuspruchs - z.T. auch in Bürger-häusern, war es vor allem das Frauenfilm-Projekt, das seit 1986, neunzehn Jahre lang, jeden Monat einen Frauenfilm in die heimischen Kinos brachte.

Dazu wurden Regisseurinnen eingeladen, wie 1997 zum Beispiel die vielfach ausgezeichnete Caroline Link, und es wurden ganze Filmnächte veranstaltet.

Von Dokumentarfilmen über Frauenschicksale, über Krimis bis hin zu Komödien reichte die Bandbreite.

Initiiert und fast zwei Jahrzehnte lang inhaltlich und organisatorisch betreut wurde dieses einzigartige Frauen-Projekt von unserer Muke Johannsen, die als einzige von uns allen das Zentrum von seiner Entstehung bis heute begleitet hat. PAUSE

 

Frauen, die selbst künstlerisch tätig waren, nutzen die Räumlichkeiten für Ausstellungen und Lesungen.

Schon längst reichte der Platz nicht mehr und es wurden im benachbarten Gebäude weitere Räume angemietet, bis im Frühjahr 1995 der Umzug in die Kaiserstraße 164 erfolgte. Auch hier mussten die Frauen wieder viel renovieren, aber dort gab es Anschlüsse für Computer und damit Platz für EDV-Kurse, die für viele Jahre eine wesentliche Einnahmequelle wurden.

 

Durch Anzeigen finanzierte Halbjahresprogramme informierten über das Seminarangebot aus den Bereichen Gesundheit, Sprachen, EDV, Recht, Kunst und Soziales. Großveranstaltungen wie die Gesundheitstage oder Fachveranstaltungen wurden von einem stark erweiterten Team ausgerichtet.

In Büdingen gab es von 1998 bis 2009 eine Zweigstelle mit eigenem Programm, eigenem Personal und eigenem Büro. Der modern ausgestattete EDV-Schulungsraum dort wurde zeitweise in Kooperation mit der Volkshochschule des Wetteraukreises genutzt.

 

Ständiges Thema im Frauenzentrum waren und sind die Finanzen. Anfangs ging es um Räume und um einen bezahlten Arbeitsplatz. Mit viel Geschick konnten nach und nach sieben Arbeitsplätze eingerichtet werden. Parallel zur Bewilligung öffentlicher Zuschüsse durch das Land Hessen, den Wetteraukreis und die Städte und Gemeinden verlief der Ausbau zu einer Bildungseinrichtung für Frauen.

Ernste Probleme brachte dann die Umstellung von der D-Mark auf den Euro mit sich. Die Teilnehmerinnen-Zahlen 2001/2002 nahmen drastisch ab. Bildungsurlaube und viele kostenpflichtige Kurse fanden wegen der überall einsetzenden Sparmaßnahmen in den Betrieben und Behörden nicht mehr statt. Und dann strich 2003 auch noch das Land Hessen im Zuge der Aktion „Sichere Zukunft“ den Förderbetrag zu 100 %. Ein radikaler Schnitt war jetzt angesagt.

 

Der Vorstand stand vor der Frage: Räume oder Personal? Um die Einrichtungen in Friedberg und Büdingen weiterführen zu können, wurden die Arbeitsplätze im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten abgebaut und die Arbeit auf ehrenamtliche Basis umgestellt. Nachdem der lange vorgesehene Umzug in günstigere Räumlichkeiten in Friedberg im April 2004 endlich über die Bühne ging, konnte dann aufgrund der eingesparten Miete im August eine der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen im Büro wieder auf Minijob-Basis eingestellt werden. Auch heute wird noch ein wesentlicher Teil der inhaltlichen und der organisatorischen Arbeiten im Zentrum ehrenamtlich geleistet. Nur die Seminar-Leiterinnen wurden als Fachfrauen - auf Honorarbasis - entlohnt.

 

Seit 2004 erstmals Deutsch-Kurse für Migrantinnen stattfanden, wurde der Schwerpunkt „Arbeit mit und für Migrantinnen“ kontinuierlich ausgebaut.

 „Deutsch für den Alltag“, so hießen die Kurse, sollte Mütter in die Lage versetzen, Arztbesuche oder Verhandlungen mit den Vermietern ohne die Übersetzungsdienste ihrer Kinder wahrzunehmen. Noch heute erinnern sich die Teilnehmerinnen gerne an die vergnüglichen Schulstunden, und wir erkennen manchmal die damals betreuten Kleinkinder als Jugendliche auf der Straße wieder.

Durch die Beteiligung an internationalen Festen oder die Ausrichtung von internationalen Frauen-Frühstücken entstanden nach und nach Kontakte zu ausländischen Frauengruppen. Durch die Teilnahme an Schulungen erweiterten wir unsere interkulturelle Kompetenz.

 

Die wieder zunehmenden Flüchtlingszahlen führten dazu, dass wir aktuell in der Frauengruppe der Flüchtlingshilfe mehrere Angebote für Flüchtlingsfrauen aufbauen, die auch den oft übersehenen Frauen das Einleben in Deutschland erleichtern sollen. Dazu gehören Stadt-Rundgänge zu wichtigen und hilfreichen Orten und die Möglichkeit für traumatisierte Frauen, sich in einer Gruppe unter fachlicher Begleitung auszutauschen.

Zu diesem Bereich gehören auch die Moschee-Besuche und die lebhafte Auseinandersetzung mit dem Islam und seinen vielfältigen Erscheinungs-formen, die wir als sehr bereichernd erleben.

 

Immer spielten Netzwerke und Kooperationen im Frauenzentrum eine wichtige Rolle. Es wäre tagfüllend, alle Partnerinnen und Partner zu nennen, mit denen wir im Laufe der 30 Jahre zusammen gearbeitet haben. Viele feiern heute mit uns.

 

Beispielsweise haben sich mehrere Selbsthilfegruppen in den Räumen des Frauenzentrums getroffen. Lange Jahre unter anderen der Gesprächskreis für Mädchen und Frauen mit Behinderungen. Einige Jahre war der Mädchenverein Klara Untermieter bei uns.

 

Viele Fachtagungen, Informationsveranstaltungen und Informationsstände in der Wetterau wurden gemeinsam mit den befreundeten Frauenvereinen „Frauen helfen Frauen“, „Frauen-Notruf“ und „Wildwasser“ durchgeführt.

 

Ganz neue Möglichkeiten entstanden für uns völlig unerwartet durch Renovierungsarbeiten im Zentrum. Als junge Auszubildende des Berufsbildungswerkes Interesse am Frauenzentrum bekundeten, entstand daraus das Projekt „Frauenleben“, ein Austausch und Zusammenwirken von Jung und Alt, regelmäßig nun im fünften Jahr. Eine Auszubildende-Generation hat inzwischen schon die Ausbildung beendet und das bbw verlassen.

Seit 2012 bieten wir im Frauenzentrum, gemeinsam mit dem Jobcenter in Friedberg, den Frauentreff an. Der Frauentreff ist ein Angebot für Frauen über 50, die längere Zeit arbeitsuchend waren. Er basiert auf dem Konzept der stabilisierenden Gruppenarbeit und hilft den Teilnehmerinnen, Arbeitshemmnisse abzubauen. Die Anfänge waren recht abenteuerlich, da das Jobcenter über keinerlei Erfahrung mit dieser Form der Betreuung seiner Kundinnen verfügte. Deshalb waren anfangs viele Gespräche mit den einzelnen Fallmanagerinnen notwendig. Bald nutzten sie aber gerne das neue Angebot. So wurde es „etabliert“ und erheblich ausgeweitet. Da das Frauenzentrum über keine Zertifizierung als Bildungsträger verfügt, kam 2013 über die Ausschreibung als Maßnahme mit RDW ein neuer Träger dazu. Leider läuft mit dem Projekt „Chance 50 +“ der Jobcenter auch der Frauentreff zum Jahresende aus.

 

Einen wichtigen Bestandteil des Zentrums möchte ich zum Ende meines kleinen Kaleidoskops durch 30 Jahre Frauenzentrum noch hervorheben. Es ist sozusagen das Kernstück: seit 30 Jahren treffen sich Frauen im Internationalen Frauen-Café. Sie diskutieren miteinander, entwickeln Ideen und setzen sie gemeinsam um, helfen und unterstützen sich in persönlichen Krisen und feiern zusammen. Jede Woche ist das Café geöffnet! Möge es noch lange so bleiben und vielen Frauen ein Stück Heimat bleiben.

 

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